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„Wer an das Gute im Menschen glaubt, bewirkt das Gute.“
Jean Paul

Aktuellen Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland mindestens 1,5 Millionen Medikamentenabhängige. Hinzu kommt eine ähnlich große Zahl von Personen, die gefährdet sind, eine solche Abhängigkeit zu entwickeln. Epidemiologisch nimmt das Problem der Arzneimittelabhängigkeit somit die gleiche Dimension wie Alkoholsucht ein. Doch wird Arzneimittelmissbrauch und Arzneimittelabhängigkeit im Gegensatz zum Alkoholabusus in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und der meist schleichende Prozess einer Abhängigkeit nicht bemerkt. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer und mit dem Alter steigt die Gefährdung. Unzählige Frauen über 70 Jahre nehmen regelmäßig Medikamente zum Schlafen oder Ruhigwerden.

Rund fünf Prozent der ärztlich verordneten Medikamente besitzen ein Abhängigkeitspotenzial. Vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie manche Schmerz- und Migränemittel oder Psychostimulanzien bergen die Gefahr der Ausbildung einer Abhängigkeit. Doch auch zahlreiche frei verkäufliche Medikamente wie Schmerzmittel, Grippemedikamente, Hustenblocker, Nasentropfen oder Abführmittel können unter ungünstigen Voraussetzungen leicht in die „stille Sucht“ führen. Arzneimittelabhängigkeit und Missbrauch werden zunehmend zum gesellschaftlichen Phänomen. Alle im Gesundheitssystem tätigen Berufsgruppen müssen sich in Anbetracht dieser bislang deutlich unterrepräsentierten Problematik neuen Herausforderungen stellen. Ärzten und Apothekern, aber auch Menschen in sozialen Berufen, Lehrern und Erziehern und zahlreichen Behörden kommt dabei eine besondere Verantwortung zu.

Mit diesem Buch soll ein Beitrag zur Wahrnehmung des komplexen Themas Arzneimittelabhängigkeit, zur Aufklärung und Übernahme der angesprochenen Verantwortung geleistet werden. Die wichtigsten Gruppen von Arzneimitteln mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial sowie verschiedene Nahrungsergänzungsmittel, Genussmittel und (mit Medikamenten verwandte) Partydrogen werden besprochen, auf damit verbundene Gefahren aufmerksam gemacht, Ratschläge für die Einnahme, die Beratung oder Verordnung gegeben, und nach Möglichkeit Alternativvorschläge aufgezeigt. Neben diesem präventiven Ansatz wird besprochen, was zu tun ist, falls sich bereits eine Arzneimittelabhängigkeit ausgebildet hat. Dabei wird besonders auf die Art der Gesprächsführung mit den Betroffenen eingegangen, denn was nutzt das beste Fachwissen, wenn wir den Patienten, Klienten oder Kunden nicht erreichen?

Auch die zunehmende Gefährdung der Bevölkerung durch Arzneimittelfälschungen und dubiosen Internethandel mit Medikamenten wird thematisiert, sind doch seit einiger Zeit Fälschungen einzelner Schmerzmittel und Psychopharmaka oder von Lifestyle-Arzneimitteln wie VIAGRA® für Kriminelle lukrativer als der Handel mit illegalen Drogen wie Heroin oder Marihuana. Apothekerinnen und Apotheker in Offizin und Krankenhaus leisten hier tagtäglich wichtige Aufgaben im Rahmen von Arzneimittelsicherheit und Verbraucherschutz. Kontaktadressen von Institutionen und internetbasierte Informationsquellen zur Hilfe und Unterstützung Betroffener finden Sie auf den letzten Seiten dieses Buches.

Sucht und Arzneimittelabhängigkeit sind weit verbreitete Phänomene unserer Zeit. Wir müssen nach neuen präventiven und kurativen Wegen suchen und das Problem mit aller Macht bekämpfen. Alle Süchte, ob stoffgebunden oder nicht stoffgebunden, ob nach Alltagsdrogen, illegalen Drogen oder Medikamenten ist gemeinsam: Sie lenken das Denken und Fühlen des Betroffenen und nehmen ihm einen Teil seiner persönlichen Freiheit und Selbstbestimmtheit. Setzen wir uns gemeinsam –wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, es formuliert- für ein selbstbestimmtes Leben ein. Kämpfen Sie mit !

Ernst Pallenbach